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Text: Paulina Tsvetanova

 

Rüdiger Möllering ist ein Künstler, Philosoph und „Alchemiker“. Wir haben Rod Colori in seinem Ministudio besucht und sind in seine farbenfrohe Traumwelt versunken…

Lieber Rüdiger, Du bist im heutigen Polen geboren, in Ostberlin aufgewachsen, vor dem Mauerbau nach Westberlin geflüchtet. Eine äußerst rege und spannende Lebensgeschichte. Wenn Du zurückblickst, wie war bisher Dein Leben?

Meist lustvoll selbstbestimmt. Ich habe stets getan, was ich wollte, immer mit Leidenschaft und dem ständigen Bemühen, es so gut zu tun, wie es irgend geht. Insgesamt ein erfülltes Leben.

Du hast eine Schweißerlehre gemacht und Biologie studiert. Auch hast Du einen Verlag gegründet und warst jahrelang als Drucker tätig. Movimento Druck war die Produktionsstätte für politische und künstlerische Projekte. Erzähl uns ein wenig darüber…

Von Lehre kann ich nicht sprechen. Ich habe einen 6-wöchigen Grundkurs absolviert und mir die Kenntnisse zum High-tech Schweißen weitgehend selbst beigebracht.

Im Merve Verlag, den ich mitgegründet habe, hatten wir eine kleine Vervielfältigungsmaschine mit dem wir anfänglich unsere Broschüren gedruckt haben. Die habe hauptsächlich ich bedient. Darüber bin ich zum Drucken als Beruf und Berufung gekommen und habe mit sehr geringem Kapital und kaum Ahnung, Movimento Druck gegründet. Anfangs wurden hauptsächlich Flugblätter, politische Schriften und Plakate gedruckt. Später dann mit besserer Ausstattung und Kenntnis zunehmend Kataloge, Opern-, Theater-, Kinoprogramme, Verlagstitel, künstlerische Drucke. Nebenbei habe ich extern die Gehilfen- und Meisterprüfung gemacht. Das Motto von Movimento Druck war: Wir machen zusammen schöne Sachen. Ich war sehr präsent in der Stadt. In jeder Wohnung in die ich gekommen bin, im damaligen Westberlin, war etwas, was ich gedruckt hatte. Auch sonst überall im Stadtbild.

Du bist stolzer Autodidakt Deiner künstlerischen Visionen. Was ist Rod Colori?

Rod Colori ist mein Künstlername. In den romanischen Ländern, die ich viel bereist habe, war der Name Rüdiger für die meisten Menschen unaussprechbar, also Rod. Und der Nachname erst. Irgendwann bin ich auf Colori gekommen. Für den Drucker und jetzt auch für den Künstler sind Farben existenziell. Übrigens ging es bei der Namensfindung für die Druckerei Movimento ähnlich mediterran affin zu. Autodidaktisch angeeignet ist eben alles, was ich gelernt habe. Stolz bin ich nicht darauf, ich habe es passioniert und mit Lust so gemacht.

…und was bedeutet StrassElectronicArt?

Es bezeichnet die Materialien, die ich zusammenfüge, nämlich Strasssteine, Modeschmuck und elektronische Bauteile. Sämtlich nicht mehr gebrauchsfähig, also Schrott, aber schön und zu neuem Glanz und Leben drängend. Eine Materialkombination, die meines Wissens niemand sonst hat, ein Alleinstellungsmerkmal. Am Anfang habe ich nur Fische hergestellt, weil sie mir leicht zu formen schienen, da ist die Abkürzung SEA sinnfällig in der sie schwimmen, obwohl sie wasserscheu sind. Wie bei den Objekten selber ist immer ein Augenzwinkern dabei, auch wenn ich sage sie sind „elektroell“

Stillt Kunst Deine Neugierde?

Ja, temporär. Meine Neugierde erwacht immer wieder neu beim Auseinandernehmen der elektronischen Geräte ebenso wie beim Wiederzusammenfügen zu neuer Form. Und: ich habe eine universelle Neugierde auf den Mikro- und den Makrokosmos auf Wissenschaft, Technik und Kunst. Im antiken Griechenland wurde Letzteres im Word „Techne“ zusammengefasst.

Du liebst Abfall von Funktelefonen, Computer, Digitalfotoapparaten, Laptops, Steine. Platinen, Lichtsensoren, Chips, Prozessoren, Laserlinsen, Rosetten der Laufwerke werden zu neuer Gestalt transformiert. Was für Geschichten erzählen sie?

Sie erzählen zunächst die Geschichten ihrer ehemaligen Besitzer bei der Demontage. Nicht im Einzelnen, sondern die Art und Weise wie sie gebraucht wurden, durch ihre Nutzungsspuren. Dann was sich für eine Eleganz und Effizienz hinter ihrem abgenutzten Äußeren verbirgt. Die elektronischen Teile in ihrer ästhetischen Anordnung erzählen Stadt- und Architekturgeschichten, Belangloses und Bedeutendes, von Schönheit und Wahrheit.

Deine Objekte sind meist Buchstaben, Zahlen, Tiere. Gibt es da einen Zusammenhang?

Der Zusammenhang ergibt sich durch mich und die Kombination der Materialien. Für einen Drucker und Grafiker sind Buchstaben und Zahlen als Zeichen naheliegend. Allerdings nehmen die sich ein wenig zu ernst. Die Tiere, Fische schauen meist selbstironisch, auch auf ihre Namen.

Dein Atelier hat 3 qm. Suchst Du die besondere Nähe zu Deinen Objekten?

Die Nähe zu meinen Objekten habe ich notwendigerweise in jedem Raum. In unserer alten Wohnung habe ich an meinen Schreibtisch gearbeitet und so den entstehenden Staub verteilt. Hier habe ich diese Kammer zur Werkstatt gemacht und schütze die übrigen Räume. Außerdem sind die Werkzeuge und Materialien auf Armlänge erreichbar.

Schreibst Du Poesie?

Wenn ich die Buchstaben zu Wörtern zusammensetze entsteht zuweilen Poesie. Wörter die edel sind und oft nur im Deutschen existieren, mag ich besonders wie EINFALLSREICHTUM, STERNENGLANZ, GLÜCKSELIGKEIT, GLANZLICHT. Im Übrigen bin ich Materialpoet.

Hast du einen Lieblingsphilosophen und warum?

Früher, vielleicht, die beiden „M“s, Marx und Marcuse. Mich haben mehr Literaten beeindruckt, wie Pirsig „Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten“ oder Stanislaw Lem „Sterntagebücher“, am meisten aber Rupert Riedel mit „Strategie der Genesis“. Riedel ist Zoologe und Philosoph. Ich hatte das Glück ihn persönlich kennenzulernen. Er betonte immer wie Alles mit Allem zusammen hängt.

Was gefällt dir besonders an Paulina’s Friends?

Das idealistische Konzept der Beteiligung und die Aufhebung des Schubladendenkens. Kunst, Kunstgewerbe, Mode, Design stehen sich nicht gesondert und von einander getrennt gegenüber. Das ist für mich und das was ich mache wohltuend und erfrischend.

 

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