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Dagmar Gester

Dagmar Gester

Was bleibt…

Dagmar Gester stellt sich auf fokussierte wie berührende Weise unserem Bedarf nach Heimat im weitesten Sinne – der vermutlich wichtigste Suche unseres Lebens. Ihre seriellen Bild-Text-Arbeiten kreieren einen Resonanz-Raum, der uns ins Thema und in die Verantwortung hineinholt. Es gelingt ihr zu destillieren, uns das Unaussprechliche, das Unvorstellbare, das Unsichtbare nahe zu bringen. Ihre Kunst ist gleichermaßen handwerklich hochwertig wie ästhetisch ansprechend.

www.gester.eu

WAS BLEIBT

Die Serie Was bleibt zeigt Dinge, die Flüchtende mit nach Deutschland gebracht haben. Es sind Objekte, die ihnen so wichtig waren, dass sie diese nicht zurück lassen wollten. Oder sie wurden auf dem Weg so wichtig, dass sie für eine existentielle Bedeutung erlangt hat. Der für den Friedensnobelpreis nominierte zyprisch-türkische Psychoanalytiker Vamik Volkan nennt diese Dinge Verbindungsobjekte. Es sind Werkzeuge, die den Flüchtenden helfen, sich mit ihrer neuen Situation anzufreunden. Denn – so erklärt er – man kann nicht in ein anderes Land gehen, ohne eine Verbindung zum vorherigen Leben aufrechtzuerhalten, sonst ist man ein Niemand. Das Projekt ist Ergebnis meiner Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der medialen Vermittlung des Themas Flucht und Vertreibung. Im vergangenen Jahr haben uns Bilder von anlandenden Schlauchbooten begleitet, von Menschen, Dingen und Leichen an der Küste, Gruppen von Menschen, die über Feldwege geleitet werden, hinter Zäunen stehen oder vor Reihen von Polizisten. Aber wie setzen wir uns zu diesen Bildern ins Verhältnis? Wie definiert sich die Rolle des Betrachters? Und wie können Bilder ein Nachdenken befördern? Ausgehend von diesen Fragen habe ich ein Konzept entwickelt, das den Betrachter in Beziehung zu den Werken setzt. Für die Darstellung fokussiere ich auf das, was bleibt: das Fluchtgepäck. So eröffnen die Objekte Denkräume, die auch erlauben an Fluchtgeschichten in der eigenen Familie anzuknüpfen. Die Besitzer der Dinge selbst sind visuell nicht präsent, werden durch die Beschriftung mit Informationen zu ihnen jedoch indirekt wieder ins Bild geholt. Indem die Geflüchteten selbst nicht sichtbar sind, werden sie nicht zur Repräsentanten einer bestimmten Situation, Krise oder Katastrophe. Flucht und Vertreibung sind unabhängig von aktuellen politischen Situationen wiederkehrende menschliche Erfahrungen. Der allgemeingültig existenzielle Ansatz der Arbeit verschränkt sich auf diese Weise mit dem jeweils Besonderen des individuellen Schicksals, in die allgemein existentielle Aussage der Arbeit ist somit eine Pluralität der Einzelschicksale eingeschrieben.

aus der Serie „Was bleibt. Fluchtgepäck“ (What Remains. Flight Luggage), 5er Edition (2 Artist Proofs und 3 zum Verkauf), gestaffelte Preise: 1/5: 833,- €, 2/5: 1.071,- €, 3/5: 1.309,- €, Verkauf ab zwei Kunstwerken

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PARTIKEL. Geschichtstatort Berliner Luftbrücke – 70 Jahre danach

„Die Repressalien beginnen. In der Diplomatensprache nennt man es Sanktionen.“, schreibt Ruth Andreas-Friedrich am 24. Juni 1948 in ihr Tagebuch und fährt fort: „Wir sitzen ohne Radio, ohne Licht, ohne Kochstrom, das heißt – wie schon so oft – ohne jede Möglichkeit, auch nur ein Tröpfchen Kaffeewasser heiß zu machen.“Heute koche ich dort meinen Kaffee, wo einst die „Rosinenbomber“ gelandet sind. 70 Jahre nach Beginn der Berlin-Blockade ist an dem historischen Ort jedoch kaum noch etwas von der Geschichte zu spüren ist, denn aus Flughafen und Einflugschneise wurden Parks und Freizeitflächen. Relikte der früheren Zeit sind allerdings erhalten, umzäunt und musealisiert (Landebahn, Landungsfeuer, Fundamente des Zwangsarbeitslagers der Ev. Kirche). Hier verschränken sich Geschichte, Gegenwart und Zukunft und beginnen partikelweise miteinander zu verschmelzen. Ich schaffe eine Bilderchronik, die meine heutigen fotografischen Notizen mit den Tagebuchnotizen der Widerstandskämpferin Ruth Andreas-Friedrich von 1948 kombiniert und nehme damit ebenfalls eine Verschränkung der Geschichts- und Bedeutungsebenen vor. Gleichzeitig setzt sich meine Arbeit auch mit der ideologischen und visuellen Wahrnehmung von Wirklichkeit auseinander: Während mit der Berlin-Blockade der Kalte Krieg begann, schien die Welt mit dem Fall der Mauer wieder füreinander offen. Doch viele sehen sich heute nach der „guten alten Zeit“ vermeintlicher Übersichtlichkeit in Ablehnung unserer vielfältigen, differenzierten und hybriden Wirklichkeit. Gleichzeitig befragt meine Arbeit gängige Vorstellungen der sichtbaren Welt vermittelt durch die Fotografie. Denn sie prägen die Anschauung von der Wirklichkeit und unser Verhältnis zu ihr und damit unser Verhältnis zu uns selbst. Deshalb sind meine Fotos bewusst schwarz-weiß gehalten. Sie sind gegenwärtige Abstandshalter zur Gegenwart. So vielschichtig meine Arbeit ist, so vielschichtig ist der Titel meiner Arbeit. „Partikel“ bezieht sich auf den Nebel auf dem Tempelhofer Flughafen, der das Starten und Landen der „Rosinenbomber“ verzögerte. Partikel in der Luft erschwerten die Sicht. Er ist aber auch eine Referenz auf die Bilder meiner Spurensuche, die immer nur einen Teil der komplexen Situation zeigen.

aus der Serie „Parikel. Geschichtstatort Berliner Luftbrücke -70 Jahre danach“ (Partikel. The Berlin Airlifts‘ Historical Scene 70 years after): rahmenlose Bildhalter auf Wunsch 30,- €

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